Interview mit Domenik Löllmann, B.A.
1. Zurzeit studieren Sie Japanologie im Master. Können Sie uns etwas über Ihre Schwerpunkte verraten und wie Sie diese Schwerpunkte gefunden haben?
Ich habe relativ spät Schwerpunkte innerhalb der Japanologie gefunden. Bedingt durch mein Nebenfach, die Koreastudien, habe ich mich zunächst primär mit den Beziehungen zwischen Japan und den beiden koreanischen Staaten auseinandergesetzt. Erst durch das J-Games-Projekt, dass Dr. Chappelow im Wintersemester 2022/23 startete, bin ich allmählich zur japanologischen Videospielforschung als Schwerpunkt gekommen. Damals war ich im 5. Semester, meine erste wissenschaftliche Arbeit auf dem Gebiet war dann die BA-Arbeit. Damit habe ich mich zunächst etwas unsicher gefühlt, aber ich bin sehr froh, dass ich den Schritt gegangen bin.
2. 2025 haben Sie Ihre Bachelorarbeit zum Thema „Technoethik im japanischen Videospiel? Ludonarrative Zukunftsszenarien in Yokô Tarôs Videospielreihe NieR (2010-)“.
Wie gestaltete sich hierbei Ihre Materialrecherchen und die Themenfestlegung?
Meine Untersuchung der NieR-Videospiele begann im Wintersemester 2023/24, ebenfalls im Rahmen des J-Games-Projekts – also über ein Jahr vor Abgabe meiner Bachelorarbeit. Im Februar 2024 habe ich auf der DeDeCo-Messe in Dresden einen Vortrag über das Spiel gehalten, damals war das Thema der Technoethik noch eher im Hintergrund. Der Forschungsfokus meiner Bachelorarbeit hat sich über den Zeitraum entsprechend geformt.
Materialrecherchen gingen primär in zwei Richtungen: Zum einen die Recherche zu dem Untersuchungsgegenstand an sich, zum anderen aber auch die Recherche zu KI und Robotern. Da die Untersuchung der Darstellung von KI und Robotern in den Spielen galt, war viel Sekundärliteratur notwendig, um die popkulturelle Repräsentation von KI und Robotern analysieren und in einen japanischen Kontext eingliedern zu können. Besonders hilfreich waren dabei auch die Werke Cosima Wagners, insbesondere ihre Monographie Robotopia Nipponica: Recherchen zur Akzeptanz von Robotern in Japan (2012).
3. Was gab den Ausschlag, das Studium im MA weiterzuführen? Mit welchem Thema beschäftigen Sie sich zurzeit?
Ich mag das wissenschaftliche Arbeiten, das Forschen sowie auch das Lehren, wie ich es bis dato durch meine Tätigkeit als Japanischtutor kennengelernt habe. Zudem hatte für mich das universitäre Leben mit Verzögerung angefangen, da ich mein Studium 2020 während der Coronapandemie begann. Entsprechend empfand ich es für mich als zu früh, den Lebensabschnitt Universität so schnell hinter mir zu lassen. Durch meine späte Schwerpunktbildung entwickelte ich verschiedene Ideen für Untersuchungen, die ich im BA nicht mehr angehen konnte und denen ich mich daher im MA widmen wollte. Derzeit beschäftige ich mich vor allem mit sozialen Konstellationen und Phänomenen in den virtuellen und teils urbanen Räumen japanischer Videospiele – in diesem Bereich strebe ich eine Masterarbeit an.
4. Was denken Sie: Ist es wichtiger, eine eigene japanologische Nische zu haben oder ein eher weiter gefasstes japanwissenschaftliches / wissenschaftliches Profil auszubauen?
Ich denke, dass eine ausbalancierte Mischung durchaus sinnvoll ist. Die Japanologie ist durch ihre interdisziplinären Ansätze ein vielseitiges Fach, was mir auch der Japanologentag 2025, der an der Goethe-Universität stattfand, mit seinen 17 Sektionen erneut bewusst gemacht hat. Für einen Einzelnen dürfte es nahezu unmöglich sein, all diese Richtungen, die selbst ja nur einen Bruchteil der japanologischen Möglichkeiten widerspiegeln, abzudecken. Sich einem oder auch mehreren Schwerpunkten zu widmen, ist meines Erachtens durchaus sinnvoll, um eine Expertise auf dem Gebiet zu entwickeln. Gleichzeitig sind Kenntnisse und Wissen, die über diesen Horizont hinausgehen, nie verkehrt und können sich wiederum positiv auf den eigenen Schwerpunkt oder konkrete Untersuchungen auswirken, um beispielsweise Kontexte und Zusammenhänge zu erkennen.
5. Was hat Ihnen bei der Profilbildung während des Studiums geholfen?
Vor allem die vielen Möglichkeiten, die mir das Institut geboten hat. Darunter fallen für mich insbesondere meine bisherigen Vorträge auf Messen wie der DeDeCo 2024 und 2025 in Dresden und der Connichi 2025 in Wiesbaden, die im Rahmen des J-Games-Projekts durchgeführt wurden. Sie bilden meine ersten Erfahrungen, in denen ich öffentlich als Japanologe auftreten konnte. Aber auch mein Engagement in der Fachgruppe der Japanologie, meine bisherigen Tätigkeiten als Tutor und Lehrbeauftragter sowie meine Mitarbeit beim Japanologentag 2025 sehe ich als Teil meiner japanologischen Profilbildung an. Letztlich versuche ich, schon während des Studiums viele Gelegenheiten dafür wahrzunehmen, um ein möglichst gutes Fundament für meine spätere akademische oder außeruniversitäre Karriere zu bilden.
6. Können Sie ein paar Hinweise zum Thema Praktika geben und inwiefern Sie außeruniversitäre Tätigkeiten beeinflusst haben?
Ich selbst habe mich bisher hauptsächlich innerhalb des universitären Apparats engagiert, entsprechend haben mich außeruniversitäre Tätigkeiten vergleichsweise wenig beeinflusst. Auch mein Praktikumsmodul habe ich durch meine Tätigkeit am Institut abgeschlossen. Letztlich kann ich dennoch den Hinweis geben, sich einfach umzuschauen. Gerade Frankfurt bietet viele Möglichkeiten, sich auch außeruniversitär zu engagieren, sei es bei Veranstaltungen wie dem Filmfestival Nippon Connection oder als Werkstudent oder Praktikant bei Niederlassungen japanischer Unternehmen in und um Frankfurt. Auch auf der J-Studien-Mailingliste (GJF) lassen sich immer wieder Hinweise auf Stellenangebote und Praktika finden, was hilfreich sein kann.
7. Zu welchem Zeitpunkt wussten Sie, welche Richtung Sie später einmal einschlagen möchten?
Ich weiß gar nicht mehr genau, wann das feststand, aber es muss in den späten Phasen des BA-Studiums gewesen sein. Die Faszination für meinen neugefundenen Schwerpunkt der japanologischen Videospielforschung wird dabei sicherlich auch einen großen Einfluss gehabt haben.
8. Haben Sie vor, eine wissenschaftliche Karriere einzuschlagen und insofern einen nicht leichten Weg zu wählen?
Ja, das tue ich. Das bedeutet, ich möchte mich nach meinem MA-Studium zunächst darum bemühen, eine Doktorandenstelle zu bekommen. Leicht wird das sicherlich nicht, zumal man derzeit viel von der Kürzung von Stellen und Geldern hört. Entsprechend ist vieles ungewiss und lässt sich schwer planen. Nichtsdestotrotz arbeite ich bereits während meines Studiums daran, mein Profil möglichst weit auszubauen, um gute Voraussetzungen zu schaffen, anschließend in der Wissenschaft bleiben zu können.
9. Was war das Wichtigste, das Sie im Verlauf Ihres Studiums gelernt haben?
Neben der Fähigkeit zu wissenschaftlichem Arbeiten und kritischem Denken überraschenderweise viele persönliche Dinge über mich selbst: Was ich in meinem Leben will, welche Ziele und Hoffnungen ich habe und wo ich nach meinem Studium einmal hinmöchte. Ich habe gelernt, mehr auf mich und meine Interessen zu hören, zu mir selbst zu stehen, ein gewisses Vertrauen in meine eigenen Kompetenzen zu haben sowie meine Komfortzone auszureizen und zu verlassen. Solche Erkenntnisse sehe ich als das Wichtigste an, das mir das Studium gebracht hat. Nicht zuletzt sind diese Aspekte wiederum wichtig, um sich später auch in der akademischen Welt durchsetzen zu können.
10. Hätten Sie rückblickend während der BA-Studienphase gerne etwas anders gemacht?
Ich denke nicht, dass ich gerne etwas anders gemacht hätte. Ich habe mich auf verschiedenste Weise ausprobiert, Hausarbeiten bei unterschiedlichen Dozierenden geschrieben und verschiedene Themen bearbeitet, bis sich mein Schwerpunkt herauskristallisierte und ich meine Bachelorarbeit auf dem Gebiet geschrieben habe. Zudem habe ich mich derweil bereits vielfach in das Institut einbringen und erste öffentliche Vorträge halten können. Natürlich wünscht man sich gerne, man hätte den eigenen Schwerpunkt schon früher gefunden oder man hätte den BA in einer kürzeren Zeit abgeschlossen. Ich denke aber dennoch, dass ich recht zufrieden auf mein Bachelorstudium zurückblicken kann.
11. Was würden Sie Japanologie-Studierenden heute als Ratschlag geben wollen?
Probiert euch aus! Besucht AGs, Vorträge und andere Veranstaltungen, besucht Seminare bei unterschiedlichen Dozierenden und bearbeitet verschiedene Themen in Hausarbeiten und Vorträgen, gerade wenn ihr euch eures eigenen Themenschwerpunkts noch unsicher seid. Solltet ihr noch Probleme damit haben herauszufinden, in welcher Richtung ihr euch japanologisch bewegen möchtet, kann das eine große Hilfe sein, nicht nur die Vielfalt der Japanologie, sondern auch euch selbst besser kennenzulernen. Für jeden bietet die Japanologie durch ihre interdisziplinären Ansätze ein spannendes Feld, das manchmal nur erst gefunden werden muss. Macht euch also keinen Stress, wenn die Suche vielleicht ein wenig länger dauert.
Kommentare
Interview mit Domenik Löllmann, B.A. — Keine Kommentare
HTML tags allowed in your comment: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>